Der Blog für Recruiter und Talente

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Ausbildung hat ausgedient

Ausbildung ist nicht mehr zeitgemäß – es hat sich ausgedient.

Ausbildung: Experten sprechen vom Akademisierungswahn, Betriebe trauern um ihre Azubis. Aber machen sich Betriebe denn noch die Mühe?

Es stimmt – viele Studenten streben nicht nach geistiger Unabhängigkeit, suchen nicht nach großen Gedanken und wollen nicht die Welt verändern. Für viele, die noch mit alten romantischen Vorstellungen und viel intrinsischer Motivation ihr Studium beginnen, ist das schnell ernüchternd. Denn nicht nur die Uni, auch die Kommilitonen, die auf gute Karrierechancen und ein höheres Einkommen hoffen sind nicht so, wie man es sich ausgemalt hat. Der Effekt des Downgrading ist spürbar, es werden andere Prioritäten gesetzt. Es geht um Zweckdienlichkeit und Beschäftigungsfähigkeit, nicht um Wissenschaft und ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Hochschulen müssen Studenten für den Arbeitsmarkt fit machen. Was vor wenigen Jahren noch in einer Berufsausbildung vermittelt wurde, ist heute ein neuer Studiengang.
Von berufsständigen Körperschaften hört man jetzt die argwöhnische Frage, ob die Universitäten in der Lage sind, die Ausbildung der Facharbeiter zu übernehmen. Bedeutet das nicht zwangsläufig einen Qualitätsverlust?
Sicher. Es herrscht Bürokratie, Normierung, Verschulung. Keiner weiß, wo da die Forschung bleibt.
Aber wem genügt heute noch das Erfahrungsspektrum einer Ausbildung? Reicht eine Ausbildung? Und: Wie viele Unternehmen investieren tatsächlich in die reine Wiederholung ihres Knowhows? Oder investieren nicht viele doch mit minimalem Aufwand in die Heranzüchtung von Hilfskräften, die am Ende in einer Wissensgesellschaft keinerlei Perspektiven haben?

In der Diskussion um den Akademisierungswahn wäre es einfacher gewesen, man hätte die Azubis gefragt.

Denn es gibt durchaus Berufsschulklassen, die fast ausschließlich aus Schülern mit einer Hochschulzugangsberechtigung bestehen. Spätestens in der Ausbildung werden sie sich zu einem Studium entschließen. Die Ausbildung hat ausgedient, genauso wie die Azubipersönlichkeit. Niemand will mehr von Menschen in seiner Bildung abhängig sein, die zu Recht ganz andere Interessen verfolgen. Niemand will sich für zwei bis drei Jahre unterwürfig zeigen und sein Potential verspielen. Und wenn, dann darf das nur ein schlechtes Beispiel sein das beweist: Du musst dich selbstständig bilden, du musst unabhängig sein, du kannst und willst dich dabei nicht auf andere verlassen, die das gar nicht wollen.

Auszubildende geraten immer wieder in prekäre Machtgefüge.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – das spüren die meisten Azubis. Gleichzeitig wird von ihnen in der heutigen Gesellschaft Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung verlangt. Leider besteht nur wenig Raum für diese beidseitigen Anforderungen und Wünsche. Welches Knowhow kann ein Azubi selbstbewusst einbringen, von dem der Arbeitgeber profitieren kann, in das er investieren will? In das, was der Arbeitgeber dem Azubi beibringen soll? Die Berufsschule wirkt selbst für jemanden mit einem geringeren Bildungsniveau bizarr. Absolventen einer Hochschule oder Universität haben in der Regel Zeit gehabt, sich auch mit berufsrelevanten Themen auseinanderzusetzen. Zusätzlich haben sie ein vielfältigeres Bild des Arbeitsmarktes durch zahlreiche Praktika. Sie wurden im besten Fall zur Selbstständigkeit erzogen oder haben sich diese gegönnt. Sie können selbstbewusster und freier auf Arbeitgeber zugehen und ihnen Ressourcen und Wissenskapital anbieten, dass sie davor noch nicht hatten – eine wirkliche Bereicherung. Azubis dagegen fühlen sich, als säßen sie in der Falle. Spätestens nach der Ausbildung fragen sie sich: Soll das alles sein? Auch sie wollen sich unabhängig machen und dafür ist die Ausbildung nicht mehr zeitgemäß.

Was haben nun die Unternehmen einem Azubi in der Ausbildung abgesehen von einem begrenzten Erfahrungsspektrum bei gleichzeitiger Forderung nach Kompetenz, der Forderung nach Unterwürfigkeit bei gleichzeitiger Selbstständigkeit, geringerem Gehalt und die Aufopferung der ersten und besten Jahre zu bieten?
Und was haben Azubis den Unternehmen zu bieten?

Man kann es Unternehmen nicht verdenken, dass sie sich Leute wünschen, die schon ausgebildet sind (keine Investitionskosten), einen echten Mehrwert bieten und von denen man guten Gewissens etwas verlangen kann.
Dann, liebe Unternehmer, wundern Sie sich aber bitte auch nicht über die schwindende Zahl an neuen Auszubildenden. Die nehmen Sie nämlich bestenfalls als Stufe. Mit einem Studienabschluss werden sie gleich ganz anders behandelt.

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